Mangel an Lehrpersonen spitzt sich zu

Die Bilungsqualität an Berner Schulen ist gefähdet. Qualifiziertes Lehrpersonal fehlt. Die Stellen werden trotzdem besetzt, oft mit Personen ohne adäquate Ausbildung. Abfedern müssen diesen schleichenden Qualitätsabbau professionelle Lehrpersonen und Schulleitungen. Die Belastung steigt, Rahmenbedingungen werden nicht verbessert. Daher empfiehlt Bildung Bern den Schulleitungen, Lektionen ausfallen zu lassen, falls keine professionell ausgebildeten Lehrpersonen gefunden werden können.

Wahre Kurzgeschichten zum Lehrpersonenmangel

Überall im Kanton Bern fehlen adäquat ausgebildete Lehrpersonen. Schulleitungen versuchen, mit grossem Aufwand, die offenen Stellen zu besetzen. Oft mit Personen ohne entsprechende Ausbildung. Sie federn zusammen mit dem Kollegium ab und übernehmen Zusatzaufgaben. Ohne Abgeltung. Damit der Schulbetrieb trotzdem funktioniert. Geschichten dafür gibt es einige. Schulleitungen haben sie uns erzählt. Hier sind sie im O-Ton.

«Ich suchte verzweifelt eine Stellvertretung für eine Woche an einer 2. Klasse. Endlich fand ich jemanden aus Zürich, sie war noch nicht fertig ausgebildet. Am Dienstag kam sie zwei Stunden zu spät und heute erneut eine halbe Stunde. Nun habe ich das Stellvertretungsverhältnis aufgelöst und decke die Stellvertretung mit Studis ab, die bei uns ein Praktikum machen.»

«In einer Landschule (1. bis 4. Klasse) will eine Lehrperson ihr (verdientes) Dienstaltersgeschenk in Form von Ferientagen (2 Wochen) beziehen. Die Stelle wird ausgeschrieben. Es meldet sich eine Person, die in der Warteposition ist um in den Vorkurs für die Ausbildung zur Lehrperson zu gelangen. Wir vertrauen und sie meistert die anspruchsvolle Aufgabe. Doch was wäre gewesen, wenn sich diese Person nicht im letzten Moment gemeldet hätte?»

«Ich leite eine Schule in einer Randregion des Kantons Bern. Schon länger war es bei uns schwierig Lehrpersonen zu finden, denn viele wollen lieber in der Nähe der Städte arbeiten. Letztes Schuljahr habe ich eine unbefristete Klassenlehrerstelle auf der Unterstufe besetzen wollen. Nach 2-monatigem Ausschreiben habe ich keine einzige Bewerbung von einer Schweizer Lehrperson erhalten! Die einzige Bewerbung, die ich erhalten habe, war von einer deutschen Lehrperson. Schlussendlich habe ich sie angestellt und sie macht zum Glück ihre Arbeit sehr gut und ist motiviert. Nach dieser Erfahrung schaue ich ziemlich skeptisch in die Zukunft.»

«Eine Stelle an einer Mehrjahrgangsklasse konnte per 1.Februar nicht besetzt werden – keine Bewerbungen waren vorhanden. Die Schulleitung übernahm entsprechend zusätzlich zu ihrer Aufgabe als Schulleitung für ein Semester die Klassenlehrerfunktion dieser Klasse und übernahm so zusätzlich ein Pensum von 60%. Per 1. August konnte die Stelle dann gut besetzt werden.»

«Eine Stelle an einer Mehrjahrgangsklasse konnte trotz grossem Aufwand und sehr flexiblen Optionen auf das neue Schuljahr nicht besetzt werden. Keine Bewerbungen waren vorhanden. Über das schulische Beziehungsnetz erfuhren wir von einer Lehrperson, welche die Ausbildung abschloss und erst auf Herbst eine Stelle suchte. So konnte die Stelle per 2. Quartal besetzt werden – das erste Quartal überbrückte das Schulhausteam – d.h. die Klasse hatte einfach eine Überbrückungslösung.»

«Früher durfte der Unterricht im Notfall auch mal ausfallen. Heute kann die Lehrperson selbst bei einer Grippe oft nur durch mehrere Personen vertreten werden. In einer Kleinstadt am Rande des Kantons springen in den Kindergärten pensionierte Lehrkräfte, Kleinkindererzieherinnen und Klassenhilfen ein.»

«Eine Lehrperson geht mit den Kindern Schlittschuh laufen. Sie bricht sich bei einem Sturz das Handgelenk und fällt drei Wochen aus. Aus dem Kollegium können vier verschiedene Lehrpersonen (zwei davon kennen die Stufe nicht aus eigener Erfahrung) die Stellvertretung übernehmen. Dabei nehmen sie Mehrarbeit zu den bereits bestehenden Pensen auf sich. Die restlichen Lektionen übernimmt eine pensionierte, ehemalige Kollegin aus dem Dorf.»

«Für ein Teilpensum im Zyklus 1 geht auf eine Ausschreibung eine ‘verfolgenswerte’ Bewerbung ein. Schlussendlich kann die einzig Bewerbende glücklicherweise angestellt werden.»

«Auf die Stelle als Schulleiter und Real-Lehrperson ab Sommer 2019 haben sich aktuell gerade mal 5 Personen beworben. Davon erfüllt eine einzige Bewerbung die Anforderungen, die ausgeschrieben wurden voll und ganz.»

«In einer Landschule fällt eine Lehrperson wegen Krankheit länger aus. Kurzfristig springt eine pensionierte Lehrperson ein, danach folgen zwei weitere Anstellungen. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich innert kürzester Zeit auf drei neue Lehrpersonen einstellen. »

«Infolge Mutterschaftsurlaub im Zyklus 3 muss eine Stelle besetzt werden. Kurz vor Stellenantritt zeichnet sich immer noch keine Lösung ab – auch nicht mit Unterstützung der PH Bern. Das Teilpensum muss nun in Kleinstpensen aufgesplittet werden. Es werden dafür zwei neue Lehrpersonen angestellt. Eine davon befindet sich noch in der Ausbildung und hat fixe Tage, an welchen sie nicht unterrichten kann. Der Stundenplan muss umgestellt werden – dies hat Änderungen und Anpassungen für alle Zyklen (1,2 und 3) zur Folge!»

«Gesucht wird eine Stellvertretung für einen Klassenlehrer wegen Krankschreibung auf der Sekundarstufe I. Für ein Jahr. Acht verschiedene StellvertreterInnen kommen zu Einsatz. Der Stundenplan muss fünfmal angepasst werden.»

«Anfang Schuljahr werden IF-Lektionen ausgeschrieben. Es gehen drei Bewerbungen ein – alle nicht brauchbar. Die IF-Lektionen werden im Co-Teaching unterrichtet. Eine Teilpensenlehrperson (ohne heilpädagogische Ausbildung) stellt sich dafür zur Verfügung.»

«Ein junger Mann, ausgebildet als Polymechaniker und mit Erfahrung als Zivildienstleistender in einem Heim für Behinderte, übernimmt eine Stelle als Lehrer an einer KbF-Klasse. Er übernimmt ein halbes Pensum und betreut acht SchülerInnen.»

«Eine einzige brauchbare Bewerbung auf eine Stellvertretung für eine Klassenlehrerin 5./6. Schuljahr kommt herein. Angestellt wird eine ausserkantonale PH-Abgängerin. Bald treten in der Klassenführung Schwierigkeiten auf. Die Schulleitung verstärkt Mentorat und Begleitung. Trotz sehr grossem Aufwand bleibt die Situation bis Ende Schuljahr schwierig und teilweise unbefriedigend. »

«Alle Lehrpersonen habe volle Pensen - niemand kann zusätzliche Lektionen oder Anstellungen übernehmen, die während dem Schuljahr dazu kommen. Z.B. bei Teamteaching-Lektionen, GEF-Pool2-Lektionen, Stellvertretungen usw.»